Die Waffen nieder! - Euro Theater Central Bonn - kultur 111 - Dezember 2014

Lisa Widmann - Foto: ETC
Foto: Euro Theater Central Bonn
Lisa Widmann - Foto: ETC
Foto: Euro Theater Central Bonn

Ein Leben zwischen Krieg und Friedenswillen



Die junge Gräfin Martha zieht das Fechten dem Klavierspielen vor und würde sich nur allzu gern ums österreichische Vaterland verdient machen. In Bertha von Suttners 1889 veröffentlichtem Roman Die Waffen nieder! erzählt Martha ihre Lebensgeschichte von der behüteten höheren Tochter zur entschiedenen Kriegsgegnerin. Von Suttner, geborene Gräfin Kinsky, wählte bewusst die populäre Romanform und ein fiktives „Ich“, um ihr pazifistisches Anliegen zu verbreiten.
Der freie Regisseur Nikolaus Büchel, unter den Intendanzen von Peter Eschberg und Klaus Weise am Bonner Stadttheater engagiert, hat das große Werk in einen beeindruckenden Bühnenmonolog verwandelt. Es bleibt jedoch von Suttners Originalton, den die 1974 im österreichischen Linz geborene Schauspielerin Lisa Wildmann spricht (Engagements u.a. am Staatstheater Stuttgart und am Schauspielhaus Wien). Und zwar vorzüglich. Mit leiser Ironie vergegenwärtigt sie die jugendlich stürmische Martha, die das Florett schwingt und auf dem Turnpferd Atta­cken reitet.
Ganze Armeen von winzigen Zinnsoldaten lässt Büchel aufmarschieren auf der Bühne des Euro Theater Central, wo seine Inszenierung im Oktober ihre begeistert aufgenommene Bonn-Premiere feierte. Die Zuschauer sind auf zwei Seiten des Geschehens platziert und nah dran an der bewegenden Entwick­lung der jungen Frau im eleganten weißglänzenden Kleid, das sich später in ein dunkelrotes verwandelt (Kostüm: Leah Lichtwitz). Man erlebt unmittelbar mit, wie sie von der Liebe zu dem jungen Grafen Dotzky blitzartig getroffen wird, mit 18 Jahren Mutter wird (ein tapferer Soldat soll der kleine Rudolf werden) und ein Jahr später im Sardinischen Krieg 1859 Witwe. Trotzig wirft sie Pfeile auf die Landkarte mit den europäischen Kampfgebieten, in denen Menschen für willkürliche nationale Ansprüche elend auf den Schlachtfeldern verre­cken. Ein schwarzes Kreuz muss sie Jahre später wieder auf die Karte malen. Ihr zweiter Mann Baron Tillich quittiert den Militärdienst, wird jedoch 1870 in Paris als vermeintlicher preußischer Spion erschossen. Marthas Geschwister sterben zuvor schon kriegsbedingt an der Cholera, ihr Vater geht an dem Verlust zugrunde. Aber aus der naiven, koketten Martha mit dem widerspenstigen rotblonden Lockenkopf ist eine selbstbewusste Frau geworden, die für die Völkerverständigung kämpfen will. Da trifft sich die literarische Erfindung dann doch mit der realen Biographie der Bertha von Suttner, die 1905 als erste Frau den Friedens-Nobelpreis erhielt.
Lisa Wildmann (in anderen Produktionen 2013 und 2014 für den Inthega-Theaterpreis nominiert) spielt ihre Martha mit atemberaubender Intensität. Emotional zutiefst verletzlich und sehr nachdenklich, wenn aus dem Off ihre Stimme sich dialogisch einmischt und die Absurdität allen Feinddenkens anspricht. Dramatisch auf Hochspannung bis zur letzten Minute. Und die ist leider ziemlich bitter: „Die Waffen hoch!“ verlangt da eine heutige Kinderstimme.
Bertha von Suttner, Namensgeberin eines der zentralen Plätze in Bonn, starb mit 71 Jahren wenige Tage vor dem Beginn des Ers­ten Weltkriegs 1914. Das in Österreich produzierte Gastspiel Die Waffen nieder! ist ein überzeugender Beweis dafür, dass Bonn sein international aktives Euro-Theater nicht wegsparen sollte. E.E.-K.

Spieldauer ca. 80 Minuten, keine Pause
die Nächsten Termine:
21.12.14 + weitere Termine 2015

Donnerstag, 15.01.2015

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