Gier - Euro Theater Central - kultur 120 - November 2015

Gier
Foto: Euro Theater Central Bonn
Gier
Foto: Euro Theater Central Bonn

Bewegendes
Weltschmerz-Quartett


Die Welt ist ein wüster Abgrund, die Bühne von Ausstatterin Hedda Ludwig eine steile schwarze Schräge. Die vier namenlosen Figuren agieren wie unter ständiger Abrutschgefahr. Ihre einzige Identität besteht in den Buchstaben A, B, C und M. Sie sprechen oft Sätze ohne direkten dialogischen Zusammenhang, lassen Fragmente von Erinnerungen und Geschichten anklingen. Es ist eine Art psychopathologisches Kammerspiel, das auch lesbar wäre als ein in Stimmen aufgelöster schizophrener Monolog. Um Einsamkeit, Verlangen und Verweigerung, ersehnte und verschmähte Liebe, lustvolle und missbrauchte Sexualität geht es in Gier von Sarah Kane. Das 1998 in Edinburgh uraufgeführte Stück ist das vierte und vorletzte Drama der britischen Autorin, die sich 1999 kurz nach ihrem 28. Geburtstag in einer Londoner psychiatrischen Klinik das Leben nahm.
„Wem ich nie begegnete, das bin ich, sie mit dem Gesicht eingenäht in den Saum meines Bewusstseins – bitte öffnet den Vorhang“. So endet ihr letztes Werk. Die Inszenierung von Stefan Herrmann am Euro Theater Central untersucht höchst sensibel die Nahtstellen der zerbrechlichen, poststrukturell mit allerhand literarischen Zitaten unterfütterten Text-Partitur. Die jungen Schauspieler sind hier jedoch keine Abstraktionen eines ungelebten Daseins. Sandra Pohl (M), Julie L. Stark (C), Lucas Sanchez (A) und Simeon J. Wutte (B) geben den inneren Stimmen eine faszinierende Körperlichkeit. Aus den Emotionsfetzen entwickeln sie Momente, die schmerzhaft unter die Haut gehen. Sie sind keine greifbaren Personen, aber Menschen auf der Suche nach dem verlorenen Ich in einer dezentrierten, eng dimensionierten Welt mit streng getakteter Zeit. Fabelhaft genau machen sie den musikalischen Rhythmus des Dramas deutlich, schaffen Bezugsachsen und eigenwillige Interaktionen. Romantische Selbstfremdheit verbindet sich mit moderner Existenzangst. Gegen Ende legt sich jeder seine eigene Schlinge um den Hals wie Kane, die das Aufhängen als letzten Ausweg nach dem Absturz in die Depression sah. „Ich verzweifle an der Verzweiflung“ heißt es einmal. Dennoch endet das Stück nicht hoffnungslos, sondern mit einem Sturz ins Licht: „Glücklich und frei“.
Die Unlesbarkeit der Welt illustrieren die Video-Projektionen von Philip Roscher. Nackte Gewalt kommt im Gegensatz zu Kanes früheren Stücken nicht vor in dem verstörenden Sprechstrom.
Eine anspruchsvolle Arbeit, die mutig den Vorhang öffnet für Reflexionen über eine beschädigte Existenz. E.E.-K.

Spieldauer ca. 70 Minuten, keine Pause
die Nächsten Termine :
10.11. // 11.11. // 20.11. // 21.11.15

Donnerstag, 26.11.2015

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