Gut genug - Euro Theater Central - kultur 122 - Januar 2016

Vom Sinn des Kinderkriegens



Zugegeben: Reproduktion muss sein für den Erhalt der menschlichen Gattung. Am Theater ist selbst produzierter Nachwuchs derzeit voll im Trend. Und dann hat man Kinder, die nachts rumschreien, ständig frische Windeln brauchen und später auf Markenklamotten bestehen. Ein teurer Spaß, wobei schon der Anfang harte Arbeit ist mit den ganzen Geburtsvorbereitungen, guten Ratschlägen von allen Seiten und Anschaffungen, deren Bezeichnungen zuvor noch Fremdwörter waren.
Frau Ragotsky, plötzlich schwanger, findet ihren Zustand völlig unnatürlich. Lebensgefährte A.C. kann sich vorstellen, die Wohnung mal aufzuräumen, in der sich seit Studentenzeiten die Theorieliteratur türmt und nun von praktischen Anleitungen von Atemtechnik über Beckenboden-Gymnastik bis Ultraschall überschwemmt wird. Regisseurin Laura Tetzlaff hat 2014 am Studio Theater Stuttgart eine Bühnenfassung der 1993 erschienenen Erzählung Gut genug von Birgit Vanderbeke inszeniert. Die höchst vergnügliche Produktion bereichert jetzt den Spielplan des Euro Theater Central. In der Ausstattung von Katharina Müller reicht eine Menge Kisten, um die wechselnden Situationen zu markieren. Die werdenden Eltern nehmen das Chaos einfach cool. Lisa Wildmann (selbst Mutter zweier Kinder) hat den unsentimentalen Ton des Textes so perfekt drauf, dass man schon mal die Lachmuskeln trainieren kann, während Floh noch im Fruchtwasser paddelt. Felix Jeiter (selbst zweifacher Vater) stürzt sich herrlich komisch ins Abenteuer Familie.
Welch irren Mut das braucht, erlebt man hautnah, wenn Söhnchen Floh das Licht der Welt erblickt hat und anfängt, seine schwer erziehbaren Erzeuger per Schlafentzug und Kräh-Attacken nach eigenen Vorstellungen gefügig zu machen: Volles Baby-Terror-Programm.
Und dann ist ein ganzes Jahr mit neuen Park- und Zoobekanntschaften einfach vorbei. Dabei sind joggende Latte-Macchiato-Mütter mit Designer-Buggys modisch schon wieder total out, ohne dass man’s mangels Zeit für allfälligen Medienkonsum überhaupt gemerkt hat. Ganz klar bleibt: Junge Eltern sind die wahren Helden unserer Gesellschaft. Nicht nur „Gut genug“ für die Herausforderungen neuen Lebens, sondern hier ein Bühnen-Schatz allerbester Klasse. E.E.-K.

Spieldauer ca. 2¼ Stunden, inkl. Pause
Nächster Termin : 31.12.15

Dienstag, 02.02.2016

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