Krach im Hause Gott - Euro Theater Central Bonn - kultur 123 - Februar 2016

Krach im Hause Gott
Foto: Euro Theater Central Bonn
Krach im Hause Gott
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Himmlischer Disput



Das Projekt „Menschheit“ ist nicht gut gelaufen. Obwohl Gott ihren Planeten wirklich sorgfältig erschaffen und vor mehr als 2000 Jahren sogar seinen Sohn dahin gesandt hat, damit er Menschenliebe verbreite. Verspottet und gekreuzigt haben sie ihn, weiter grausame Kriege geführt, die Natur ausgebeutet und sich selbst vergöttert. Der Alte ist das Spiel einfach leid und hat deshalb am goldenen Tisch im Himmel eine Krisensitzung einberufen. Die unrentable Konzernabteilung Erde schreibt nur Verluste und soll geschlossen werden. Aber im Familienrat erhebt sich Widerspruch. Ausgerechnet Sohn Christus, dessen Wunden angesichts der Menschenwelt immer wieder neu zu bluten beginnen, wehrt sich gegen deren Vernichtung.
Das 1994 in Bregenz uraufgeführte „moderne Mysterienspiel“ des bekannten österreichischen Autors Felix Mitterer hat seitdem nichts von seiner Aktualität verloren. Das beweist die neue Inszenierung von Nikolaus Büchel im Euro Theater vorzüglich. Er spielt auch selbst den Satan, der per Helikopter einfliegt. Im schwarz glänzenden Business-Anzug (Kostüme: Susanne Miller), mit Aktenkoffer und Smartphone. Der Mann hat schließlich verdammt viel zu tun. Nur die roten Handschuhe, ein leicht hinkender Gang und ein paar andere Accessoires verweisen auf seine Höllen-Exis­tenz. Einen brillanteren Anwalt könnte die Menschheit sich jedoch kaum wünschen. Schließlich hat Gott selbst seinen Geschöpfen den Auftrag gegeben, sich zu mehren und sich die Erde untertan zu machen. Warum hat er seinen Engel Luzifer auch aus dem Himmel gestürzt und auf ewig verteufelt? Vor dem Chef muss er sich zwar zitternd beugen, aber Satans Geschäft ist nun mal von jener Welt dort unten.
Thomas Krutmann spielt herrlich jovial Gottvater, der seine Burnout-Erscheinungen mit viel Espresso wegspült und den barocken Halleluja-Jubel entnervt abwinkt. Er will endlich eine Entscheidung und am liebsten die Verantwortung abgeben. Unterstützt vom hochmütigen Heiligen Geist, dem Eric Carter luftige Gestalt verleiht. Das mit der Leiblichkeit und vollends noch Geschlechtlichkeit der Erdenwesen war doch sowieso nur ein Experiment und die Sache mit dem Menschenverstand ein totaler Flop. Ist geradezu widerlich, wie der kleine Bruder da mit seiner Dornenkrone angibt.
Einfach fabelhaft verkörpert Lucas Sanchez den aufmüpfigen jungen Jesus, der Liebe und Leiden am eigenen Leib erfahren hat, Hunger und Schmerz kennt und dennoch wieder zur Erde niederfahren würde. Die ganzen Wunder bis zur Sonnenfinsternis bei seinem Kreuzestod – alles Erfindungen der Evangelisten, um ihn zum Messias zu stilisieren. Sein göttlicher Vater hat ihn schnöde allein gelassen, als es ihm dreckig ging. Und später bei den Irrwegen seiner Anbeter auch nicht eingegriffen.
Satans neue Verführungsversuche prallen wie die früheren an diesem eigensinnigen Revolutionär ab. Jesus Christ Superstar – Fehlanzeige. Aber seine Mutter Maria soll am Tisch der Herren mitreden dürfen. Die exzellente Schauspielerin Lisa Wildmann ist als Sekretärin, Putzfrau Maria Magdalena und attraktive Bewerberin um einen Assistentinnen-Job in der Chefetage schon vorher kurz präsent. Abgewimmelt von den Männern, die lieber allein regieren möchten. Als Mutter hat sie jedoch viel zu sagen. Schließlich hat Maria Gottes Sohn zur Welt gebracht und unter vielen Nöten und Demütigungen aufgezogen.
Dass vor dem monotheistischen Patriarchat alles besser war, wagen wir zu bezweifeln. Aber die Teilung der Macht mit den Frauen wäre schon einen Versuch wert. Die Apokalypse wird also bis auf weiteres vertagt. „Gott sei Dank!“ – solche Alltagsfloskeln bekommen hier einen amüsanten Hintersinn. Denn es ist eine handfeste Komödie mit Familienstreit, klassischem Vater-Sohn-Konflikt, faustdicken Anspielungen auf Goethes „Prolog im Himmel“ und allerhand Bibelzitaten. Kein theologischer oder religionsphilosophischer Essay und kein allegorisches Drama auf der „Jedermann“-Schiene, sondern verteufelt human. Absolut empfehlenswert! E.E.-K.

Spieldauer ca. 80 Minuten, keine Pause

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Dienstag, 16.02.2016

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