Michael Kohlhaas - Euro Theater Central Bonn - kultur 132 - Januar 2017

Michael Kohlhaas
Foto: Euro Theater Central Bonn
Michael Kohlhaas
Foto: Euro Theater Central Bonn

Einsamer Wutbürger


„Dieser außerordentliche Mann würde bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können“, heißt es zu Beginn der 1810 erschienen Novelle. Doch aus dem rechtschaffenen Rosshändler wird ein Gerechtigkeitskämpfer, der sein Recht eigenmächtig durchzusetzen versucht. Er beginnt einen Rachefeldzug, der zusehends seiner Kontrolle entgleitet. Kleists Kohlhaas gilt als präzise Studie über die Eskalation von Gewalt. Analogien zur Gegenwart liegen nahe. Es geht um den Widerstand eines Wehrlosen, der aus berechtigtem Grund beginnt und im Terror endet.
Stefan Herrmanns Inszenierung im Euro Theater verzichtet glücklicherweise auf alle naheliegenden Aktualisierungen. Sie konzentriert sich ganz auf den Text und einen Schauspieler. Michael Meichßner spielt Kohlhaas mit einer ungeheuren Intensität. Einsam sitzt er in seiner durchsichtigen Zelle. Der Boden ist mit Stroh bedeckt, ein schlichter Stuhl dient als einziges Requisit. Ein fabelhafter Kunstgriff: Die kleine Bühne ist auf einen engen Raum reduziert. Kohlhaas hat sich gleichzeitig ein- und ausgeschlossen. Weil er sich verstoßen fühlt von einer Gesellschaft, die ihm keine Gerechtigkeit verschaffen will, stellt er sich über deren Gesetze und kündigt gleichsam den Vertrag, auf dem sie beruhen. Wenn die Mächtigen ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, wird es zur Bürgerpflicht, die Grundlagen wiederherzustellen.
Hinter der spiegelnden Plexiglasscheibe mit ihren je nach Lichteinfall wechselnden Reflexionen erscheint der Schauspieler wie ein Ausstellungsobjekt in einer Vitrine. Durch diese Distanzierung zwingt er die Zuschauer zur verschärften Reflexion. Die ausführliche Schilderung der brutalen Gewalt­exzesse und etliche Nebenhandlungen sind gestrichen. Kleists Erzählung, in der das dramatische Talent des Dichters immer durchscheint, ist hier komprimiert und gerade dadurch in ihrer ganzen sprachlichen Wucht erlebbar. Großartig baut Meichßner die Spannungsbögen auf, lässt mit sparsamer Gestik und Mimik eindrucksvolle Bilder im Kopf entstehen. Am Schluss steht er auf, stößt mit dem Kopf fast gegen die Decke seines transparenten Käfigs und erscheint fast überlebensgroß. Kohlhaas wird sein Todesurteil akzeptieren, nachdem die Obrigkeit seinem radikalen Gerechtigkeitsverlangen nachgekommen ist.
Eine unbedingt sehens- und hörenswerte Aufführung, die Verstand und Gefühl sorgfältig ausbalanciert und zutiefst berührt.

Spieldauer ca. 80 Minuten, keine Pause
Die nächsten Vorstellungen:
28.12. / 29.12.16 /
6.01. / 7.01. / 11.01. / 12.01. / 13.01.17

Donnerstag, 16.02.2017

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