Kleine Eheverbrechen - Euro Theater Central Bonn - kultur 134 - März 2017

Kleine Eheverbrechen
Foto: Euro Theater Central Bonn
Kleine Eheverbrechen
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Wahrheiten und Lüge


„Nur durch Vergesslichkeit kann der Mensch je dazu kommen zu wähnen, er besitze eine Wahrheit“, schrieb Nietzsche in seiner berühmten Abhandlung „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“. Der überaus erfolgreiche französische Schriftsteller Éric-Emmanuel Schmitt ist promovierter Philosoph und folglich misstrauisch gegenüber einfachen Wahrheiten. Im Politischen wie im Privaten, zumal Letzteres in unserer Gesellschaft immer mehr unter öffentlichem Druck steht. Liebe, Sexualität, Ehe – ausgestellt in den Schaufenstern des allgegenwärtigen Marktes.
In Gabriele Gysis Inszenierung von Schmitts Kleine Eheverbrechen erhebt sich hinter dem großen Ehebett ein feuerroter Atompilz. Die explosive Kernspaltung einer langjährigen Gemeinschaft?
Der Krimiautor Gilles hat seinen letzten Roman „Kleine Eheverbrechen“ genannt und seiner Frau Lisa gewidmet. Bei einem Unfall hat Gilles sein Gedächtnis verloren. Er nimmt alles um sich herum wahr, nur wo sein „Ich“ war, klafft eine Leerstelle. Und die attraktive Frau, die in aus der Klinik holte, ist eine Fremde. Oder ist es ein Spiel, in dem er sich und sie ihn neu erfindet? Um an den Punkt zurück zu gelangen, als sie noch wenig voneinander wuss­ten und Lust aufeinander hatten? Sich noch nicht in der alltäglichen Vertrautheit eingerichtet hatten, die ihre Leidenschaft erstickte. Konstruieren sie sich unter der Bedingung beliebiger Austauschbarkeit von Beziehungen neue Partner? „Wie war das Leben mit mir? War es die Hölle?“, fragt Gilles einmal. „Ja, aber eine, an der ich in gewisser Weise hänge, weil es dort so schön warm ist“, antwortet Lisa.
Immerhin scheint Gilles‘ Amnesie die erotische Fantasie neu zu befeuern. Zwischen Gekuschel und Gerangel tun sich freilich Abgründe auf. Charlotte Welling spielt die nervöse junge Frau mit verzweifeltem Hang zum Alkohol und zu Selbstverletzungen. Hanno Dinger gibt den sensiblen Zyniker, der viel begreift außer sich selbst. Die beiden liefern sich dabei mit atemberaubender Intensität einen körperlichen und verbalen Schlagabtausch. In den brillanten Wortgefechten ändern sich von einem Satz zum nächsten die Verhältnisse und Kampfpositionen. Brauchen sie Lügen und Manipulationen, um eine erloschene Liebe zu retten? Und wer wollte eigentlich wen weshalb umbringen?
Die Aufführung stellt viele schwerwiegende Fragen. Aber sie tut es mit kluger Leichtigkeit und einem Feuerwerk geistreicher Sentenzen. Es ist ein intimes Kammerspiel und ein spannender Psychokrimi aus dem Krisengebiet von Schein und Wirklichkeit. Die Regisseurin hat es schön vieldeutig auf den Punkt gebracht: „Ein lustiges Stück“. Fand auch das Publikum bei der ausverkauften Premiere. E.E.-K.

Spieldauer ca. 80 Minuten,
keine Pause
Die nächsten Vorstellungen:
19.03. / 22.03.17

Dienstag, 29.08.2017

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