Waisen - Euro Theater Central Bonn - kultur 151 - Dezember 2018

Waisen
Foto: Lilian Szokody/www.szokody.de
Waisen
Foto: Lilian Szokody/www.szokody.de

Beklemmender Psychothriller

Die Vorstellung geht schmerzhaft unter die Haut. Sie zeigt, wie hauchdünn der Firnis unserer Zivilisation ist und wie brutaler Fremdenhass in scheinbar geordnete Verhältnisse einbricht. Das 2009 in Edinburgh uraufgeführte Stück Waisen des Briten Dennis Kelly, im selben Jahr von Theater Heute zum besten ausländischen Dramatiker gewählt, war 2013 bereits in der Werkstatt von Theater Bonn zu erleben. Im Euro Theater Central hat es jetzt ­Michael Meichßner inszeniert, der dort als Schauspieler in der preisgekrönten Aufführung von Michael Kohlhaas weiterhin auf der Bühne steht. ­Waisen ist sein gelungenes Regie-Debüt.
Von der sogenannten Flüchtlingskrise war bis 2015 noch nicht die Rede. Gewalt gegen Fremde oder einfach nur Andere ist freilich seit Langem schlimme Realität. Meichßner hat Kellys Text leicht aktualisiert und den Akteuren deutsche Namen gegeben. Jana und Thomas haben einen fünfjährigen Sohn. Der ist an diesem Abend bei Thomas‘ Mutter. Denn das junge Paar wünscht sich endlich mal einen gemütlichen Abend zu zweit. Der wird jäh unterbrochen durch Janas jüngeren Bruder Marco mit blutverschmiertem Hemd: Da draußen sei ein verletzter Junge, dem er geholfen habe. Marco verstrickt sich in immer neue Varianten der Geschehnisse. Jedem wird schnell klar: Er ist der Täter. Also keinen Notarzt und keine Polizei, denn Jana will ihren einschlägig vorbestraften Blutsverwandten schützen, auch wenn ein Fremder verblutet.
In dem steril weißen Wohnzimmerkubus von Ausstatterin Jule Dohrn-van Rossum wird auf grauen Filzpantoffeln viel geredet in kunstvoll stotternd abgebrochenen Halbsätzen, die das Unsägliche verschweigen. Die Gewalt bleibt unsichtbar hinter der aufgeschlitzten rückseitigen Papierwand. Ab und zu schaltet Thomas (guter Job, braver Bürger und sorgsamer Familienvater) per Fernbedienung schöne Musik an (am Klavier eigens eingespielt von der bekannten Bonner Pianistin Susanne Kessel). Virtuos füllen alle drei Akteure die sprachlichen Leerstellen mit sensibler Verletzlichkeit und fabelhafter Energie. Die Regie gönnt jedem kurze Atempausen mit imaginären Video-Träumen.
Anna Möbus spielt eindrucksvoll die zwischen allen Gefühlen schwankende, soeben wieder schwangere Jana, die ihre neue Geborgenheit um keinen Preis verlieren will. Als Sozialwaise lieblos in Heimen aufgewachsen, eng verbunden mit ihrem aggressiven Bruder. Frank ­Casali verkörpert hochsensibel den auf alles wütenden jungen Marco, der verzweifelt Zuwendung verlangt, in einer rechtsradikalen Szene sowas wie Heimat gefunden hat und als notorischer Loser irgendwelche Feinde vernichten will. In einem hysterischen Rederausch bringt Jana ihren Thomas dazu, nicht mehr als „unmännlicher Feigling“ ­rumzu­hocken, sondern dem Opfer „Angst einzujagen“, damit es nichts mehr sagt. Stefan Kreißig spielt Thomas‘ emotionale und moralische Verwirrungen des arrivierten Arbeitnehmers mit feinsten Nuancen. Wie er detailliert von der brutalen Misshandlung des Fremden berichtet (tatsächlich ein an allem völlig unbeteiligter muslimischer Familienvater, der Marco zufällig über den Weg lief), ist nichts für zarte Gemüter. Erschreckend bleibt: Er hat mitgemacht. Um seine eigene, scheinbar heile Welt zu retten.

Waisen ist ein spannender Thriller, der hinter der Krimihandlung psychische Abgründe aufdeckt. Im intimen ETC sind die Zuschauer hautnah am Geschehen. Politisch hellwaches Theater mit klugen Illusionsbrüchen, aber ohne überflüssige Winkelzüge. Unbedingt sehenswert, bevor das ETC sinnlos weggespart wird. Die neue Produktion beweist die Notwendigkeit dieser eigenwilligen privaten Bühne überzeugend. E.E.-K.

Spieldauer ca. 1 ¾ Stunden, keine Pause
Die nächsten Vorstellungen:
16.12.// 17.12. // 18.12.18

Dienstag, 22.01.2019

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