Nächstes Jahr, gleiche Zeit - Kleines Theater - kultur 162 - Januar 2020

Nächstes Jahr, gleiche Zeit
Foto: Kleines Theater Bonn
Nächstes Jahr, gleiche Zeit
Foto: Kleines Theater Bonn

Die Welt und das Zimmer

Es war nicht geplant und passt auch nicht zu ihren bürgerlichen Biografien. George ist also ziemlich verlegen angesichts der fremden Frau neben ihm im Bett. Ein erfahrener Seitenspringer ist der brave Buchhalter ebenso wenig wie die naive Hausfrau Doris. Beide sind Mitte zwanzig, glücklich anderweitig verheiratet, haben jeweils drei kleine Kinder. Aus einer Zufallsaffäre wird jedoch eine Liebesbeziehung, die ein Vierteljahrhundert überdauert. Jedes Jahr zur gleichen Zeit treffen sie sich wieder im Hotel Seaview an der kalifornischen Küste, für ein besonderes Wochenende jenseits des Alltags. Diese kleine Auszeit von der fortschreitenden Zeit wird zu einem stabilen Ritual, das zwei sehr unterschiedliche Lebenswege regelmäßig zusammenführt.
Um Sex geht es auch, aber der Reiz der 1975 in New York uraufgeführten und 1978 prominent verfilmten Erfolgskomödie Nächstes Jahr, gleiche Zeit des Ende Oktober mit 89 Jahren verstorbenen kanadischen Autors Bernard Slade liegt weniger an den boulevardesken Lustspiel-Ingredienzen als an der Spiegelung historischer Veränderungen im Privaten. Am Kleinen Theater hat dessen neuer Intendant Frank Oppermann das heiter-melancholische Drama mit der notwendigen Leichtigkeit inszeniert. Kleine Veränderungen im von ihm und seinem Stellvertreter Stefan Krause gestalteten Bühnenbild – ein holzvertäfeltes Landgasthaus-Zimmer – deuten an, dass seit dem Beginn 1951 draußen die Zeit weitergelaufen ist. Zwei Video-Screens am Rand evozieren zwischen den sechs Szenen große und kleine Ereignisse: Bilder von weltbedeutenden Politikern und gesellschaftlichen Umbrüchen, Protestbewegungen, Mondlandung, Kino- und Pop-Ikonen, veränderte Landschaften oder neue Autos und Moden. Es passierte viel in den Jahren bis 1975 und hinterließ Crash-Spuren bei dem Paar und dessen Familien.
Die versierte Musical-Darstellerin Barbara Köhler, in Bonn schon in diversen Contra-Kreis-Produktionen zu erleben, verkörpert mit wechselnden Kostümen und Perücken überzeugend die junge Doris, die ihr erstes außereheliches Abenteuer durchaus genießt, obwohl sie ihren Mann Harry über alles liebt. Ihre Mutation zum blonden Vamp nimmt George nicht ganz ernst, fünf Jahre später ist sie hochschwanger, wieder fünf Jahre später probiert sie als Hippie einen neuen Frühling, absolviert schließlich ein Universitätsstudium, emanzipiert sich aus der bürgerlichen Enge, macht als Geschäftsfrau Karriere und wird Großmutter, während ihr Gatte langsam den Boden unter den Füßen verliert.
Viel Maskerade braucht auch Wolf-Guido Grasenick (s. Seite12/13) nicht, seit vielen Jahren am Kleinen Theater schauspielerisch präsent, um sich vom schüchtern-leidenschaftlichen Lover in einen Typen mit Schnauzbart und Potenzproblemen zu verwandeln. Als Geburtshelfer und Eheretter zeigt er echtes Heldenformat, kann erstmals bei Doris seinen Schmerz über den Tod seines Sohnes im Vietnamkrieg ausweinen, wird Psychopatient und -dozent, Witwer seiner innig geliebten Helen und zum silbernen Jubiläum des jährlich mehr oder weniger rauschend gefeierten One-Night-Stands vielleicht der ideale Partner für eine ­glückliche Zukunft.
Eine kostbare Love-Story voller ehrlicher Romantik, musikalisch feinsinnig kommentiert und bei der Premiere vom beglückten Publikum zu Recht mit herzlichem Beifall belohnt. E.E.-K.

Spieldauer ca. 2 ½ Stunden inkl. Pause
Die letzten Vorstellungen:
27.-31.12.19 täglich

Donnerstag, 23.01.2020

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