Vier Stern Stunden - Kleines Theater - kultur 164 - März 2020

Vier Stern Stunden
Foto: Kleines Theater Bonn
Vier Stern Stunden
Foto: Kleines Theater Bonn

von Daniel Glattauer; Alter Glanz und neue Krisen

Der Schriftsteller Trömerbusch (der Name spricht Bände) steckt seit langem in einer Schaffenskrise. Das probate Mittel „deutlich jüngere Frau“ erweist sich als Fehlanzeige wie das Viersternehotel, dem er als Stargast kulturelles Flair einhauchen soll. Frederic Trömerbusch kultiviert also energisch seine Verstimmung. Die Wahrheit erscheint am späten Abend nach einigen Gläsern Whisky pur. Da hocken sie nun so weit wie möglich voneinander entfernt und ziemlich derangiert an ihren mit goldenem Stoff bespannten ­Steh­tischen: Er verlassen, sie entlassen. In der Inszenierung von Steffen Laube, der auch das Bühnenbild entworfen hat, wird aus ihrem promillehaltigen Dialog eine echte Sternstunde. Beginnend mit einer tiefschürfenden Reflexion über die Bedeutung der Vorsilben „ver-“ und „ent-“, endend mit einer unerwarteten Einsicht in lang zurückliegende kreative Momente.
Vier Stern Stunden heißt das neue, 2018 in Wien uraufgeführte Stück von Daniel Glattauer. Der österreichische Autor erlebte 2006 seinen Durchbruch mit dem Roman Gut gegen Nordwind, der inzwischen auch ein Bühnenrenner ist.
Die Sterne des traditionsreichen Kurhotels, das David-Christian Reichendorffer nun in der vierten Generation führt, haben ein wenig an Glanz verloren. Dirk Witthuhn spielt den nicht mehr ganz jungen Juniorchef, der schwer an der Last seines kulturellen Erbes trägt, mit atemberaubender Sicherheit zu windschiefen Metaphern greift und kaum einen Satz grammatisch korrekt zu Ende bringt. Rhetorik sei wirklich nicht seine Stärke, wird ihm die junge Lisa später beim Fitnesstraining ganz unverblümt sagen. Die in Kinshasa geborene, in Paris und Köln aufgewachsene Karmela Shako im schicken goldenen Outfit verkörpert reizend die scharfzüngige, selbstbewusste Vertreterin der Generation www. Ab und zu taucht sie mit schwarzer Burka auch in der ersten Zuschauerreihe auf – eine zweifelhafte Anspielung aufs Bad Godesberger Lokalkolorit – und wird von Reichendorffer höflich hinauskomplimentiert.
Die zum Betthupferl völlig ungeeignete Lisa hat der alte Trömerbusch mitgebracht, dessen Stern am Literaturhimmel zusehends verblasst aber immer noch taugt für kulturbeflissene Kurgäste. Der in Bonn bestens bekannte Schauspieler Rolf Mautz gibt den ergrauten Star herrlich biestig zwischen verletzter Eitelkeit und echter Verzweiflung. Der ganze Sternstunden-Rummel ist ihm zuwider, aber eben auch sein Lebenselixier. Er grantelt und grummelt wie eine Kreuzung aus Thomas Bernhard und Martin Walser, demonstriert genial üble Laune und haut mitunter gnädig ein banales Bonmot in die Runde. Selbstverständlich lässt er das zwecks Hotelmarketing veranstaltete Promigespräch krachend platzen. Das ist er seinem unnahbaren künstlerischen Image schließlich schuldig, wenn die Moderatorin verzückt von seinen Liebesromanen schwärmt, als seien sie direkt verwandt mit den Produkten von ­Rosamunde Pilcher.
Barbara Köhler spielt brillant die eloquente Lady Mariella Brem am Rednerpult, promovierte ­Kultur­journalis­tin, leicht androgyn mit blondem Kurzhaar und Business-Anzug. Beim lautmalerischen „Trömerbusch“ gerät ihr Herz offenbar so ins Flimmern, dass man ihr sogar die Formulierung „Literarischer Zwölfender“ gern verzeiht. Immerhin ist Mariella heimlich auf der Jagd nach einem biografisch-poetischen Geheimnis. Das „Unerwartete“ ist nämlich ein Grundprinzip des Dichterstars. Mehr zu verraten würde die begabte Bloggerin Lisa als Spoilern bezeichnen. Einen treuen Follower gewinnt sie jedenfalls im Handumdrehen. Bei der restlichen Wahrheitsfindung (dramaturgische Schwächen bügelt der erfahrene Inspizient Lutz Arkenberg locker aus) muss halt Whisky mithelfen. Inkl. frohgemuter ­Publikumsbeschimpfung aus der Steinzeit der modernen Dramatik.
Das Ganze ist eine leise Komödie mit eleganten musikalischen ­Inter­mezzi, kostbaren sprachlichen Pointen und amüsanten Seitenhieben auf den kommerziellen Kulturbetrieb. Die ultimative Bühnenmenschen-Hymne „I did it my Way“ zitiert Mautz am Ende mit wunderbar zärtlich brüchiger Stimme sympathisch herbei. Mit einigen Bravi durchsetzter, munterer Applaus bei der ausverkauften Premiere. E.E.-K.
Spieldauer ca. 2½ Stunden, inkl. einer Pause
Täglich bis 29.02.20

Donnerstag, 30.04.2020

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