Blick zurück im Zorn - Kleines Theater - kultur 165 - April 2020

Blick zurück im Zorn
Foto: Patric Prager – die Prager Botschaft
Blick zurück im Zorn
Foto: Patric Prager – die Prager Botschaft

von John Osborne; Wut und Weltschmerz

Wut und Weltschmerz
Bei einer Aufführung am Broadway 1957 soll eine junge Zuschauerin die Bühne gestürmt und den Hauptdarsteller geohrfeigt haben. Im Kleinen Theater kann man das gut begreifen, denn das aggressive Verhalten des jungen Mannes und sein enervierendes Selbstmitleid erregen einfach Widerwillen. Jimmy Porter ist wütend. Auf alles: Die Gesellschaft, seine Familie, seine prekären Verhältnisse und die eigene Perspektivlosigkeit. Der Arbeitersohn hat sein Studium abgebrochen und lebt von den sehr bescheidenen Einkünften seines kleinen Bonbonladens. Seine Empörung lässt er aus an seiner Frau Alison, Tochter einer bürgerlichen Mittelschichtfamilie. Alison hat Jimmy geheiratet, weil sein rebellisches Wesen ihr gefiel. Nun hockt sie mit ihm in einer ärmlichen Souterrain-Wohnung und lässt apathisch seine nicht nur verbalen Angriffe über sich ergehen.
Mit seinem 1956 in London uraufgeführten Dramenerstling Blick zurück im Zorn wurde der damals 26-jährige britische Autor John Osborne berühmt. Sein Stück stand Pate für das Schlagwort der „Angry Young Men“, zu denen beispielweise Harold Pinter und Edward Bond zählten. Es ist die Generation, die im Zweiten Weltkrieg erwachsen wurde, den Zerfall der historischen Weltordnung, (in England speziell der kolonialen) erlebte und aufbegehrte gegen die Klassengesellschaft.
Im Kleinen Theater hat Stefan Krause (Regie und Ausstattung) den ­englischen Klassiker, der 1959 mit Richard Burton in der Hauptrolle verfilmt wurde, mit einem deutlichen Blick auf die heutige Zeit inszeniert. Die sozialen Klassengegensätze sind nur noch teilweise ein Motiv für ­Jimmys Zorn. Seine Verunsicherung entlädt sich auch selten in direkter Gewalt. Das berühmte Bügelbrett als wichtiges Requisit des Originals kommt hier nicht vor. Aber unübersehbar tragen Jimmy und die beiden Frauen Lonsdale-Sportkleidung. Die 1960 gegründete Marke wurde in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts beliebt in der rechtsradikalen Subkultur, die zufällige Buchstabenkombination „NSDA“ gegen alle Abwehr des Unternehmens zum Erkennungszeichen für nationalistische Gesinnung. Krause macht das nicht zum Hauptmotiv, lässt aber durchscheinen, welch gefährliches Potenzial im ziellosen Willen zur Provokation steckt.
Janosch Roloff, der zuletzt im Kleinen Theater schon als Borcherts ­Beckmann überzeugte, spielt den verzweifelt tobenden Jimmy. Mitunter schaut er aus dem rohen Backstein-Verlies durch ein schmales Fenster nach draußen, ärgert sich über Kirchenglocken, lamentiert über seine verlorene Kindheit und wiederholt seine Beleidigungen aller bis zur Schmerzgrenze. Erst nach der Pause zeigt er sensible Verletzlichkeit in der von Grund auf unsympathischen Figur. ­Leonie Houber gibt anrührend die unglückliche Alison, die stoisch leidend an dem brutalen Typen hängt. Als sie ein Kind erwartet, verlässt sie ihn zwar auf Anraten ihrer Freundin Helena, die dann jedoch flugs ihren Platz an Jimmys Seite und im Bett einnimmt. ­Vanessa Frankenbach spielt energisch die junge Bühnenkünstlerin, die unversehens zum Alison-Double mutiert. Als geduldiger guter Geist in der Beziehungshölle fungiert Dominik Penschek in der Rolle des Hausfreundes Cliff, der sich schließlich Jimmys rabiater Faszination entzieht. Alison kehrt zurück, nachdem sie ihr Baby verloren hat. Helena räumt ihren Platz und verschwindet. Jimmy und Alison träumen am Schluss von einer heilen Zukunft als Teddybär und Eichhörnchen: Kinderspielzeug aus der Vergangenheit. Kaputt wie die einsamen vier Menschen auf der Suche nach Sinn in der Beliebigkeit ihres Daseins.
Die nachdenkliche Inszenierung ist ungemütlich wie unsere Zeit. Viel Beifall bei der gut besuchten Premiere. E.E.-K.

Spieldauer ca. 2 Stunden, inkl. einer Pause

Donnerstag, 07.05.2020

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