Kölner Philharmonie

Gürzenich-Orchester Köln

GESANG
Konzert - Manoury, Ligeti, Beethoven

François-Xavier Roth, Dirigent

Kristian Bezuidenhout, Klavier


Philippe Manoury (*1952)
Fanfare für Blechbläser

Philippe Manoury gilt als einer der wichtigsten französischen Komponisten und als Forscher und Wegbereiter auf dem Gebiet der Musik mit Live-Elektronik. Trotz seiner intensiven Ausbildung als Pianist und Komponist (er studierte unter anderem beim Schönberg-Schüler Max Deutsch, bei Gérard Condé, Michel Philippot und Ivo Malec) sieht er sich als Autodidakt: „Die Komposition muss aus einer inneren Sehnsucht heraus geboren werden und erfordert kein Gepäck an Vorbedingungen.“ Entsprechend begann er auf eigene Faust mit kompositorischen Versuchen, parallel zu seinen ersten musikalischen Lektionen, und schon im Alter von 19 Jahren war er mit eigenen Werken auf wichtigen Festivals für Neue Musik vertreten. Nach einer Lehrtätigkeit an brasilianischen Universitäten führte ihn sein kompositorisches Interesse an mathematischen Modellen an das Pariser IRCAM. Oft sind seine Werke vom Moment der Interaktion geprägt. Er macht das Orchester zu einem Klanglaboratorium, in dem neue Möglichkeiten des Zusammenspiels erprobt werden. Dazu gehört zunehmend die räumliche Disposition der Klänge im Konzertsaal – so auch bei seiner Fanfare für Blechbläser. Dieses neue Werk entstand aus einer Idee des Gürzenich-Orchesters heraus – auf dessen Homepage darüber zu lesen ist: „Nach einer Phase kulturellen Stillstands, erzwungener Stille und des Verzichts auf Konzerte setzt ein neues Projekt des Gürzenich-Orchesters und seines Chefdirigenten François-Xavier Roth ein weithin hörbares Zeichen von Freude und Hoffnung im urbanen Raum: ?Fanfares for a new Beginning?, das von der Ernst von Siemens Musikstiftung gefördert wird, feiert nicht nur die Wiederaufnahme des Konzertlebens nach dem Lockdown. Vielmehr sollen Komponistinnen und Komponisten explizit dazu angeregt werden, mit kurzen neuen Werken auf die Veränderungen einzugehen, die die Corona-Krise mit sich gebracht hat. Bis zum Ende des Jahres wird vor jedem Sinfoniekonzert eine eigens dafür in Auftrag gegebene Fanfare gespielt. Darüber hinaus erklingen auch Fanfaren, die von Musikern des Gürzenich-Orchester Köln komponiert oder arrangiert werden. ‚Viele Werke unseres Repertoires sind unter den gegebenen Bedingungen derzeit nicht spielbar. Wir freuen uns deshalb sehr, mit Unterstützung der Ernst von Siemens Musikstiftung über die ganze Saison hinweg ein hörbares Zeichen der Hoffnung und des Aufbruchs in dieser schweren Zeit setzen zu können‘, sagt dazu Stefan Englert, Geschäftsführender Direktor des Gürzenich-Orchester Köln.“

György Ligeti
„Poème Symphonique“ für 100 Metronome

György Ligeti trug als Theoretiker viel zur Entwicklung und zum Ausbau neuer ästhetischer Konzeptionen in der Musik der europäischen Avantgarde bei. Sein kompositorischer Neuansatz beruhte darauf, dass er nicht mehr musikalische Ereignisse wie prägnante Konturen und Intervall- und Rhythmusgestalten, sondern musikalische Zustände wie Farbe, Volumen und Intensität des Klangs in den Vordergrund stellte. Das Werk „Poème Symphonique“ komponierte Ligeti 1962. Es wurde am 13. September 1963 in Hilversum unter seiner Leitung uraufgeführt. Die Orchesterbesetzung des knapp 25-minütigen Stücks erfordert 100 Metronome (zwei oder mehr Spieler unter Anweisung eines Dirigenten). Es ist eine Art Tongedicht und es scheint tatsächlich so, als würde das Werk eine Geschichte erzählen, trotz oder gerade wegen der totalen Mechanisierung der Aufführung. Unweigerlich lenkt das Werk die Aufmerksamkeit auf das Ablaufen der Zeit, auf die Endlichkeit pulsierender Rhythmen. Da ticken die Metronome, ehe sich das irrwitzige Durcheinander allmählich lichtet und zunehmend Einzelstimmen hervortreten – bis zum letzten Metronom. Ligeti beschrieb das Werk wie folgt: „Der Formgedanke des Stückes basiert auf dem Wechselspiel zwischen individuellen determinierten periodischen Rhythmen und einer zusammengesetzten, polyrhythmischen Gesamtstruktur. Zwar ist diese rhythmische Gesamtstruktur auf einer mittleren Ebene indeterminiert – das lokale Ergebnis der Addition der verschieden langen Einzelperioden ist zufällig –, doch ist sie auf einer höheren Ebene wiederum determiniert, nämlich auf der Ebene der zeitlichen Entfaltung der Gesamtform. Diese Gesamtform besteht aus drei Phasen: Gleichmäßigkeit – allmähliche Strukturiertheit – Gleichmäßigkeit, wobei die anfängliche Gleichmäßigkeit Resultat einer kollektiven Verwischung ist, die Gleichmäßigkeit des Schlusses sich aber aus der Periodizität des Tickens des einzig übriggebliebenen Metronoms ergibt. Die drei Phasen sind nicht voneinander abgegrenzt, sondern das rhythmische Geschehen geht von einer Phase allmählich und weich in die andere über. Dies ist scheinbar ein kontinuierlicher Vorgang, doch besteht er im einzelnen aus diskontinuierlichen Momenten, da die einzelnen Metronome plötzlich aussetzen. In der verdünnten Phase, wenn nur noch wenige Instrumente ticken, wird die Diskontinuität hörbar, am krassesten beim Verstummen des letzten Metronoms.“

Ludwig van Beethoven

Sinfonie Nr. 8 F-Dur op. 93

Beethoven komponierte seine achte Sinfonie zum Großteil im Sommer 1812, einer für ihn sehr ereignisreichen Zeit: Das Erlebnis mit der „Unsterblichen Geliebten“ erreichte in diesem Sommer seinen Krisen- und Abschlusspunkt; eine Begegnung mit Goethe fand statt, und der in Linz lebende Bruder Johann, den Beethoven im Anschluss an seine Aufenthalte in den böhmischen Bädern aufsuchte, erregten seine moralischen Gefühle – der Bruder lebte schließlich in einer unehelichen Beziehung. Bei der Uraufführung am 27. Februar 1814, bei der auch noch seine siebte Sinfonie und das Schlachtengemälde „Wellingtons Sieg“ aufgeführt wurden, war die Resonanz eher ablehnend, was Beethoven zu der ärgerlich-trotzigen Bemerkung veranlasst haben soll: „Eben weil sie besser ist“ (als die anderen aufgeführten Werke). Innerhalb der Beethovenschen Sinfonien nimmt die achte Sinfonie also eine Außenseiterstellung ein, zu den ganz großen Sinfonien scheint sie nicht zu gehören. Sicherlich hat sie nicht den heroischen Impetus der Dritten („Eroica“), auch nicht die Dramatik der Fünften oder die Monumentalität der Siebten. Außerdem ist sie mit ihrer nicht ganz dreißigminütigen Spieldauer mehr der Haydnschen Tradition als den gewohnten Beethovenschen Sinfonie-Dimensionen verpflichtet. Doch falsch wäre es, in ihr ein retrospektives und mit der Vergangenheit liebäugelndes Werk zu sehen. Die Achte wird häufig als die humoristische Sinfonie Beethovens empfunden, was tatsächlich auf derb-fröhliche Passagen zurückzuführen ist, die streckenweise in ihr enthalten sind. Es gibt wohl kaum eine andere Sinfonie, die im Umgang mit kompositorischem Material, mit den Formen und mit der Tradition der Musik so voller ironisierender Brechungen steckt wie diese F-Dur-Sinfonie. Dass hier Humor der wesentliche Grundzug ist, wurde nach der Uraufführung, in der die Zuhörer durch die Heiterkeit der Musik zunächst verwirrt waren und nicht wussten, ob sie das Werk ernst nehmen oder darüber lachen sollten, schnell zu einem festen Rezeptionstopos. Von einem „humoristischen Scherzspiel“ sprach der Rezensent der „Allgemeinen Musikalischen Zeitung“ im Zusammenhang mit dem zweiten Satz. Und mit den Worten, „die Hauptempfindung, welche dieser Sinfonie zugrunde liegt, ist Fröhlichkeit und Humor, scherzhafter Ernst und ernsthafter Scherz“, stellte Schindler die achte Sinfonie 1835 im Programmheft zum ersten Gesellschaftskonzert des Aachener Musikvereins dem Publikum vor.

Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c-Moll op. 37

Als Beethoven Ende 1800 seine beiden ersten Klavierkonzerte verkaufte, erwähnte er, er habe auch noch „Bessere“, die er aber einstweilen für sich „behalte, bis ich eine Reise mache“. Gemeint war natürlich eine Konzertreise, und im Auge hatte er offenbar das eben vollendete c-Moll-Konzert. Es ist Prinz Louis Ferdinand von Preußen gewidmet. Uraufgeführt wurde es erst am 5. April 1803 in Wien. Zum ersten Mal wird in diesem Konzert die Sphäre der Gesellschaftsmusik verlassen, das Klavierkonzert wird zur Sinfonie mit konzertierendem Klavier. Schon die Tonart c-Moll, der Beethoven einige seiner typischsten Werke anvertraut hat, deutet auf die hier angestrebte neue Qualität. Nicht der geistreiche Austausch der musikalischen Gedanken, sondern der Widerstreit der Ideen prägt den Verlauf, die konzertante Struktur wird zum inhaltlichen Programm. Der Solist tritt als „heroisches“ Individuum dem Kollektiv des Orchesters gegenüber. Der Kopfsatz („Allegro con brio“) entspricht dem Formschema des Sonatenhauptsatzes in der für Konzerte üblichen Weise mit einer doppelten Exposition für das Orchester und für das Soloinstrument. Das Hauptthema des Orchesters kombiniert zwei kontrastierende Motive, den aufsteigenden c-Moll-Akkord mit dem geradezu ohrwurmartigen „Pochmotiv“ und eine lyrisch gehaltene Fortsetzung. Die ausgedehnte Orchesterexposition wird dann unter Führung des Soloinstrumentes in variierender Ausgestaltung wiederholt. Das pochende Motiv bestimmt die Durchführung. Die Reprise entspricht der Exposition, ohne sie einfach zu wiederholen. Der Satz kulminiert in einer groß angelegten Kadenz des Solisten, die Beethoven vermutlich für den Erzherzog Rudolph, seinen Gönner und Schüler, nachträglich komponiert hat. Einen deutlichen Kontrast bildet dann der in der von c-Moll weit entfernten Tonart E-Dur gehaltene Mittelsatz („Largo“). In der einfachen dreiteiligen Grundanlage dominiert zunächst das Soloinstrument, das allmählich in einen immer dichter werdenden Dialog mit dem Orchester tritt. Im Mittelteil entfalten Flöte und Fagott einen eigenen Dialog, der von rauschenden Klavierarpeggien grundiert wird. Dann übernimmt erneut das Klavier die Führung. Einen markanten Kontrast zu diesem versonnenen Mittelsatz bildet der schwungvolle Finalsatz, seiner Bauform nach ein Rondo („Rondo. Allegro“) von großem Elan mit einem eleganten, rhythmisch deutlich markierten Thema. Bei seinem wiederholten Auftreten scheint dieses Thema immer an der gleichen Stelle zum Stillstand zu kommen, den der Komponist mit immer neuen Anläufen „füllt“, in der Art einer komponierten Frage. Erst beim letzten Mal wird diese in einer effektvollen Stretta beantwortet.


Heidi Rogge

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Letzte Aktualisierung: 23.07.2021 21:01 Uhr     © 2021 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn